Das sogenannte Dreieinige Gehirn ist ein vereinfachtes Modell, das dabei helfen kann, die Zusammenhänge zwischen Trauma und Nervensystem sowie die Reaktionen unseres Gehirns auf Stress anschaulich zu verstehen.
Das Modell unterscheidet drei evolutionär unterschiedlich alte Bereiche: das Stammhirn, das limbische System und den Neokortex.
Wichtig dabei: Das menschliche Gehirn arbeitet tatsächlich wesentlich komplexer und stärker vernetzt, als dieses Modell vermuten lässt. Für die Traumatherapie kann die vereinfachte Darstellung dennoch hilfreich sein, um nachvollziehbar zu machen, warum wir unter starkem Stress manchmal anders reagieren, als wir es uns bewusst wünschen.
In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder, wie entlastend es für Menschen sein kann, ihre eigenen Reaktionen besser zu verstehen. Wenn deutlich wird, dass starke Anspannung, Rückzug oder Erstarrung nicht einfach „falsch“ sind, sondern mit Schutzmechanismen unseres Nervensystems zusammenhängen können, entsteht häufig ein anderer Blick auf das eigene Erleben.
Wenn verschiedene Bereiche unseres Gehirns und Nervensystems gut miteinander zusammenarbeiten, können wir wahrnehmen, fühlen, denken und angemessen handeln. Bei starkem Stress oder traumatischen Erfahrungen können dagegen automatische Schutzreaktionen in den Vordergrund treten. Überlegtes Denken und bewusste Selbstregulationkönnen dann schwieriger werden.
Um diese Zusammenhänge noch anschaulicher zu machen, schauen wir uns das Handmodell des Gehirns nach Daniel Siegel an.
Das Handmodell des Gehirns von Daniel Siegel
Das Handmodell veranschaulicht, wie sich Stress, Angst und traumatische Belastungen auf unser Erleben und Verhalten auswirken können.
Es kann helfen zu verstehen, warum wir in bestimmten Situationen sehr emotional reagieren, uns plötzlich wie gelähmt fühlen, flüchten möchten oder Schwierigkeiten haben, klar zu denken – obwohl wir rational vielleicht wissen, dass wir heute eigentlich sicher sind.
Die Hand dient dabei als vereinfachte Metapher für unterschiedliche Bereiche unseres Gehirns.
Der Handteller steht im Modell für tiefer liegende Bereiche, die mit grundlegenden Körper- und Überlebensfunktionen verbunden sind. Der Daumen symbolisiert Bereiche des limbischen Systems. Die vier darüber gelegten Finger stehen vereinfacht für die Großhirnrinde beziehungsweise den Neokortex.
Das Stammhirn und automatische Überlebensreaktionen
Das Stammhirn gehört zu den evolutionär älteren Strukturen unseres Gehirns und ist unter anderem an grundlegenden Funktionen wie Atmung, Herz-Kreislauf-Regulation und Wachheit beteiligt.
Bei wahrgenommener Gefahr spielen automatische Schutz- und Stressreaktionen eine wichtige Rolle. Häufig werden diese mit Fight, Flight und Freeze – Kampf, Flucht und Erstarrung – beschrieben.
Solche Reaktionen sind nicht einfach eine bewusste Entscheidung. Sie gehören zu den Schutzmechanismen unseres Organismus.
In der Traumatherapie ist dieses Verständnis besonders wichtig: Reaktionen wie Erstarren, Rückzug, starke Anspannung oder der Impuls zu fliehen können als Versuche des Nervensystems verstanden werden, Sicherheit herzustellen.
Das limbische System: Emotionen, Bindung und Erinnerungen
Das limbische System umfasst verschiedene miteinander vernetzte Gehirnstrukturen, die unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen, Erinnerungen, Motivation und Stress beteiligt sind.
Für das Verständnis von Trauma, Bindungstrauma und Entwicklungstrauma sind insbesondere zwei Strukturen interessant: der Hippocampus und die Amygdala.
Erfahrungen werden dabei nicht einfach an einem einzigen Ort gespeichert. Vielmehr entstehen Erinnerungen und emotionale Reaktionen durch das Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen und körperlicher Prozesse.
Der Hippocampus: Erinnerungen zeitlich und räumlich einordnen
Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle für Gedächtnisprozesse und dabei, Erfahrungen zeitlich und räumlich einzuordnen.
Vereinfacht gesagt unterstützt er uns dabei, eine Erfahrung in einen Zusammenhang zu setzen: Wann und wo passiert etwas? Gehört diese Gefahr zur Vergangenheit oder findet sie tatsächlich jetzt statt?
Das ist auch für die Traumaverarbeitung relevant. Bei sehr starker Aktivierung kann es schwieriger werden, eine aktuelle Situation eindeutig von früheren belastenden Erfahrungen zu unterscheiden.
Übungen zur Nervensystemregulation und Selbstregulation können dabei unterstützen, die Aufmerksamkeit wieder stärker auf die Gegenwart zu richten.
Eine einfache Übung ist beispielsweise:
„Schau dich im Raum um und finde fünf grüne Dinge.“
Dabei orientieren wir uns bewusst im Hier und Jetzt. Wir nehmen unsere aktuelle Umgebung wahr, benennen Dinge und richten unsere Aufmerksamkeit auf das, was tatsächlich gerade vorhanden ist.
Solche Orientierungs- und Achtsamkeitsübungen können eine Möglichkeit sein, wieder mehr Kontakt mit der Gegenwart aufzunehmen.
Solche kleinen Übungen nutze ich auch in meiner traumasensiblen Arbeit. Dabei geht es nicht darum, unangenehme Gefühle möglichst schnell „wegzumachen“. Vielmehr kann es hilfreich sein, zunächst wahrzunehmen: Wo bin ich gerade? Was sehe und höre ich? Was gibt meinem Körper in diesem Moment ein wenig mehr Orientierung und Sicherheit?
Die Amygdala: das Alarmsystem des Gehirns
Die Amygdala wird häufig vereinfacht als das „Alarmzentrum“ unseres Gehirns bezeichnet.
Sie ist an der schnellen emotionalen Bewertung von Reizen beteiligt und spielt insbesondere bei Angst- und Stressreaktionen eine wichtige Rolle.
Unser Nervensystem verarbeitet fortlaufend Informationen aus der Umgebung und aus unserem Körper. Dabei fließen auch frühere Erfahrungen in die Bewertung einer Situation ein.
Wird ein Reiz als möglicherweise gefährlich eingeschätzt, können sehr schnell automatische Schutzreaktionen aktiviert werden – beispielsweise Kampf, Flucht oder Erstarrung.
Diese Prozesse laufen zu einem großen Teil automatisch ab. Deshalb reicht es bei einer starken Stress- oder Traumareaktion häufig nicht aus, sich einfach zu sagen:
„Ich weiß doch, dass ich sicher bin.“
Der Körper kann trotzdem Alarm melden.
Viele Menschen, die zu mir in die Praxis kommen, kennen genau diesen Widerspruch: „Ich weiß eigentlich, dass nichts passiert – aber mein Körper reagiert trotzdem.“
Dieses Erleben kann sehr verunsichernd sein. In der Traumatherapie schauen wir deshalb nicht ausschließlich auf Gedanken, sondern beziehen auch körperliche Reaktionen und das Nervensystem mit ein.
Trigger: Wenn sich das Heute wie das Damals anfühlt
Ein Trigger ist ein innerer oder äußerer Reiz, der mit einer früheren belastenden Erfahrung verbunden ist und eine starke emotionale oder körperliche Reaktion auslösen kann.
Das kann zum Beispiel ein Geruch, ein Geräusch, ein Gesichtsausdruck, ein bestimmter Tonfall, körperliche Nähe oder eine Beziehungssituation sein.
Stell dir beispielsweise vor, ein Mensch wurde als Kind von einem Hund gebissen. Begegnet ihm Jahre später ein fremder Hund, kann sein Nervensystem sehr schnell mit Angst und körperlicher Alarmbereitschaft reagieren – selbst wenn dieser konkrete Hund keine Gefahr darstellt.
Die heutige Situation kann sich dann körperlich und emotional so anfühlen, als würde die frühere Gefahr erneut stattfinden.
In der Traumatherapie wird manchmal davon gesprochen, dass sich ein Mensch in solchen Momenten „gefühlt im Damals“ befindet.
Das bedeutet nicht, dass Vergangenheit und Gegenwart im Gehirn buchstäblich voneinander getrennt werden. Es beschreibt vielmehr das subjektive Erleben: Der Körper reagiert auf eine gegenwärtige Situation mit Schutzmustern, die durch frühere Erfahrungen geprägt wurden.
Der Neokortex und der präfrontale Kortex: Denken, Einordnen und Regulieren
Der Neokortex ist an vielen komplexen menschlichen Fähigkeiten beteiligt – beispielsweise Sprache, Planung, Problemlösung, bewusster Wahrnehmung und differenziertem Denken.
Besonders relevant ist der präfrontale Kortex. Er unterstützt unter anderem die Impulskontrolle, Selbstbeobachtung, Entscheidungsfindung und emotionale Regulation.
Wenn wir uns ausreichend sicher fühlen, können wir eine Situation meist differenziert betrachten und verschiedene Handlungsmöglichkeiten abwägen.
Unter sehr starkem Stress verändert sich dieses Zusammenspiel.
Warum klares Denken unter starkem Stress schwieriger werden kann
Bei hoher emotionaler oder körperlicher Aktivierung kann der Zugriff auf komplexes, reflektiertes Denken eingeschränkt sein.
Umgangssprachlich wird manchmal gesagt:
„Der denkende Teil des Gehirns geht offline.“
Das ist keine buchstäbliche Abschaltung des Neokortex. Die Formulierung beschreibt vereinfacht, dass unter starker Bedrohung schnelle automatische Schutzreaktionen Vorrang bekommen können.
Viele Menschen kennen das aus Situationen mit starker Angst oder Stress: Plötzlich fällt einem eine eigentlich bekannte Antwort nicht mehr ein, man kann sich schlechter konzentrieren oder reagiert impulsiver als gewöhnlich.
Aus Sicht unseres Nervensystems ergibt das Sinn. Bei einer unmittelbar wahrgenommenen Gefahr liegt der Schwerpunkt zunächst darauf, möglichst schnell zu reagieren – nicht darauf, komplexe Probleme zu lösen.
Das ist auch ein Grund, warum ich in meiner therapeutischen Arbeit nicht davon ausgehe, dass sich jede Reaktion allein durch Einsicht oder positives Denken verändern lässt. Etwas verstandesmäßig zu wissen und sich im eigenen Körper tatsächlich sicher zu fühlen, können zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen sein.
Bindungstrauma: Wenn Beziehungen das Nervensystem in Alarmbereitschaft versetzen
Diese Zusammenhänge können auch helfen, bestimmte Reaktionen bei einem Bindungstrauma oder Entwicklungstrauma besser zu verstehen.
Wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass wichtige Bezugspersonen beispielsweise unvorhersehbar, emotional nicht erreichbar, stark wechselhaft oder beängstigend reagieren, können sich daraus Schutz- und Beziehungsmuster entwickeln.
Auch die Erfahrung, dass eigene Bedürfnisse, Grenzen oder starke Emotionen nicht willkommen oder nicht sicher sind, kann prägend sein.
Im Erwachsenenalter können deshalb gerade Nähe, Beziehung, Konflikte, Zurückweisung oder die Angst vor Verluststarke Stressreaktionen auslösen.
In meiner Praxis erlebe ich, dass Menschen diese Reaktionen zunächst nicht immer mit früheren Bindungserfahrungen in Verbindung bringen. Sie merken vielleicht, dass Nähe gleichzeitig schön und beängstigend sein kann, dass sie sich sehr schnell zurückziehen, stark anpassen oder bei vermeintlicher Zurückweisung intensiv reagieren.
Wenn wir diese Muster gemeinsam betrachten, können die Zusammenhänge verständlicher werden.
Obwohl eine heutige Beziehung objektiv anders sein kann, reagiert das Nervensystem möglicherweise mit alten Schutzmustern: Anspannung, Rückzug, Anpassung, Erstarren, starke Verlustangst oder dem Impuls, Distanz herzustellen.
Das bedeutet nicht, dass die Amygdala einfach „chronisch übersteuert“ sein muss. Vielmehr können früh gelernte Stress- und Bindungsmuster dazu beitragen, dass bestimmte Beziehungssituationen besonders schnell als unsicher erlebt werden.
Trauma und Nervensystem: Was bedeutet das für die Traumatherapie?
Genau hier kann traumasensible Psychotherapie und Traumatherapie ansetzen.
Es geht nicht nur darum, eine Reaktion rational zu verstehen, sondern auch darum, das eigene Nervensystem besser kennenzulernen, Trigger und Schutzreaktionen wahrzunehmen und neue Erfahrungen von Sicherheit und Selbstregulation zu ermöglichen.
In meiner Praxis in Berlin begleite ich Menschen dabei, diese Zusammenhänge in ihrem eigenen Tempo zu verstehen und einen anderen Umgang mit ihren Reaktionen zu entwickeln. Dabei arbeite ich traumasensibel sowie körper- und nervensystemorientiert und beziehe – je nach individuellem Anliegen – unterschiedliche therapeutische Ansätze in meine Arbeit ein.
Mir ist dabei wichtig, nicht nur zu fragen:
„Was stimmt nicht mit mir?“
sondern neugieriger auf eine andere Frage zu werden:
„Was könnte mein Nervensystem gelernt haben – und was braucht es heute?“