Das Wort Trauma begegnet uns heute immer häufiger. Wir hören von traumatischen Erfahrungen, Traumafolgen oder davon, dass bestimmte Erlebnisse uns bis heute prägen. Doch was ist ein Trauma eigentlich? Und warum können Erfahrungen noch lange nachwirken, obwohl sie längst vergangen sind?
Trauma lässt sich nicht allein darüber definieren, was einem Menschen passiert ist. Entscheidend ist auch, was während und nach einer überwältigenden Erfahrung in unserem Körper und unserem Nervensystem geschieht.
Was ist ein Trauma und was bedeutet Trauma?
Der Begriff Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst „Wunde“. Im psychologischen Zusammenhang beschreibt er eine Erfahrung, die unsere Möglichkeiten, mit einer Situation umzugehen, überfordern kann.
Das können sehr unterschiedliche Erlebnisse sein. Manche sind offensichtlich bedrohlich, etwa Gewalt, schwere Unfälle oder Verlusterfahrungen. Andere Erfahrungen erscheinen von außen vielleicht weniger dramatisch und können dennoch tiefe Spuren hinterlassen.
Gerade deshalb ist es hilfreich, Trauma nicht ausschließlich anhand eines bestimmten Ereignisses zu betrachten.
Nicht nur das Ereignis ist entscheidend
Menschen können auf ähnliche Situationen sehr unterschiedlich reagieren. Was für einen Menschen verarbeitet werden kann, kann für einen anderen überwältigend sein.
Wer verstehen möchte, was ein Trauma ist, muss deshalb nicht nur auf das belastende Ereignis, sondern auch auf die Reaktion des Nervensystems schauen.
Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: unser Alter, frühere Erfahrungen, vorhandene Unterstützung, unsere Beziehung zu anderen Menschen und die Möglichkeiten unseres Nervensystems, mit Belastung umzugehen.
Trauma ist deshalb nicht einfach eine Frage von „schlimm genug“ oder „nicht schlimm genug“. Entscheidend ist vielmehr, wie eine Erfahrung in uns verarbeitet werden konnte – oder eben nicht.
Das kann besonders relevant sein, wenn wir einer Situation nicht entkommen konnten, uns hilflos oder ausgeliefert gefühlt haben oder mit dem Erlebten anschließend allein geblieben sind.
Was passiert bei Trauma im Nervensystem?
Unser Nervensystem ist ständig damit beschäftigt einzuschätzen, ob wir sicher sind. Nimmt es eine Bedrohung wahr, stellt es uns innerhalb kürzester Zeit Energie für Schutzreaktionen zur Verfügung.
Wir können beispielsweise kämpfen oder fliehen. Ist beides nicht möglich, können andere Reaktionen wie Erstarren, Abschalten oder starke Unterwerfung auftreten.
Diese Reaktionen sind keine bewussten Entscheidungen. Sie gehören zu den grundlegenden Schutzmechanismen unseres Organismus.
Problematisch kann es werden, wenn unser Nervensystem nach einer überwältigenden Erfahrung nicht vollständig in ein Gefühl von Sicherheit zurückfindet. Obwohl die ursprüngliche Situation vorbei ist, reagiert der Körper möglicherweise weiterhin so, als könnte jederzeit wieder Gefahr entstehen.
Wie kann sich ein Trauma später zeigen?
Traumafolgen können sehr unterschiedlich aussehen. Sie müssen sich nicht unbedingt als konkrete Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis zeigen.
Manche Menschen erleben beispielsweise eine anhaltende innere Unruhe oder sind schnell angespannt. Andere fühlen sich häufig erschöpft, abgeschnitten von ihren Gefühlen oder innerlich wie betäubt.
Auch Schwierigkeiten, Grenzen wahrzunehmen und zu setzen, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle, wiederkehrende Ängste oder bestimmte Beziehungsmuster können mit früheren Erfahrungen zusammenhängen.
Mögliche Reaktionen können unter anderem sein:
- innere Unruhe und Anspannung
- erhöhte Wachsamkeit
- Ängste oder starke Schreckhaftigkeit
- Schlafprobleme
- Erschöpfung
- Schwierigkeiten, sich zu entspannen
- Rückzug oder emotionale Taubheit
- Schwierigkeiten mit Nähe, Vertrauen oder Grenzen
- körperliche Stressreaktionen, für die sich nicht immer sofort eine Erklärung findet
Das Vorhandensein einzelner solcher Symptome bedeutet allerdings nicht automatisch, dass ein Trauma vorliegt. Sie können viele unterschiedliche Ursachen haben und sollten immer im individuellen Zusammenhang betrachtet werden.
Trauma kann auch in Beziehungen entstehen
Wenn wir an Trauma denken, denken wir häufig zuerst an ein einzelnes einschneidendes Ereignis. Belastende Erfahrungen können jedoch auch über einen längeren Zeitraum entstehen.
Besonders prägend können Erfahrungen in Beziehungen sein – insbesondere dann, wenn sie in einer Lebensphase stattfinden, in der wir auf Schutz, Sicherheit und Verbindung zu anderen Menschen angewiesen sind.
Wenn wichtige Bedürfnisse wiederholt keinen Raum bekommen, Beziehungen unberechenbar sind oder Nähe gleichzeitig mit Angst verbunden ist, kann sich dies auf die Art auswirken, wie wir später Sicherheit, Beziehungen und uns selbst erleben.
Man spricht in diesem Zusammenhang unter anderem von Entwicklungs- oder Bindungstrauma.
Warum es helfen kann, die eigenen Reaktionen zu verstehen
Viele Menschen erleben bestimmte Reaktionen lange Zeit als etwas, das mit ihnen „nicht stimmt“.
Ein anderer Blick kann entstehen, wenn wir verstehen, dass manche dieser Reaktionen einmal einen Sinn hatten. Was heute belastend ist, kann ursprünglich ein Versuch des Körpers und des Nervensystems gewesen sein, mit einer schwierigen oder überwältigenden Situation umzugehen.
Die Frage verändert sich dann möglicherweise von:
„Warum bin ich so?“
zu:
„Was habe ich erlebt – und was versucht mein System bis heute für mich zu tun?“
Diese Perspektive kann entlastend sein. Sie bedeutet nicht, schwierige Erfahrungen kleinzureden. Sie kann aber dabei helfen, den eigenen Reaktionen mit mehr Verständnis und weniger Selbstverurteilung zu begegnen.
Veränderung ist möglich
Traumatische Erfahrungen können uns prägen. Sie müssen jedoch nicht bestimmen, wie wir uns für immer fühlen, wie wir Beziehungen erleben oder wie wir unser Leben gestalten.
In einer traumasensiblen therapeutischen Begleitung kann es darum gehen, die eigenen Reaktionen besser zu verstehen, mehr Sicherheit im eigenen Körper zu entwickeln und behutsam neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Dabei muss nicht alles auf einmal erzählt oder noch einmal durchlebt werden. Vielmehr kann Schritt für Schritt ein größerer Spielraum entstehen – zwischen einem Reiz und unserer Reaktion, zwischen Nähe und Rückzug und zwischen dem, was einmal notwendig war, und dem, was heute möglich ist.
Wie unterschiedlich sich traumatische Erfahrungen im Alltag zeigen können, erfährst du in meinem Beitrag „Trauma zeigt sich nicht immer so, wie wir denken“.